Sommerpredigtreihe zum Thema »Vielleicht hält Gott sich einige Dichter« – Gottesdienste zu literarischen Werken

Der Titel der diesjährigen Sommerpredigtreihe in der Feuerbacher Stadtkirche verdankt sich einem Satz des Schweizer Schriftstellers Kurt Marti. Er lautet vollständig: »Vielleicht hält Gott sich einige Dichter (ich sage mit Bedacht: Dichter!), damit das Reden von ihm sich jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen ab Handen gekommen ist.« So soll in dieser Predigtreihe die Stimme der Schriftsteller zu Wort kommen. Die Stimme der Dichter soll eingebracht werden in ein Gespräch über Gott. In Anknüpfung und Widerspruch soll gefragt werden, was das jeweilige Werk über Gott und den Menschen zu sagen hat.

 

Sommerpredigtreihe - Margaret Atwood: Der Report der Magd 26. August, 10 Uhr: Gottesdienst mit Abendmahl, Pfarrerin Gerda Müller

Der weltweite Bestseller der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood steht in der Tradition von George Orwells »1984«. Sie zeigt, wie leicht Normalität ins Unmenschliche umkippen und Religion  und der Name Gottes missbraucht werden können. Im Roman steht die vermeintlich christlich fundamentalistische Republik Gilead im Mittelpunkt, die nach einer Nuklearkatastrophe durch einen Putsch entstanden ist. Die Regierung der Söhne Jakobs hat alle Menschlichkeit, Solidarität und Nächstenliebe unter den Bewohnern vernichtet. Es herrscht ein menschenverachtendes Regime, das das Alte Testament für seine perfiden Ziele missbraucht.
Frauen sind rechtlos in Gilead. Die meisten Frauen sind durch die Nuklearkatastrophe unfruchtbar. Nur noch die wenigen Mägde sind fruchtbar. Sie haben die Pflicht, Kinder für die herrschenden Kommandanten zu gebären wie die Mägde von Sara und Lea im Alten Testament für Abraham und Jakob. Eine dieser Mägde ist Desfred. Ihr Leben beschreibt Margaret Atwood.

Sommerpredigtreihe - Wole Soyinka: Aké Joseph Conrad: Herz der Finsternis, 2. September, 10 Uhr: Gottesdienst mit Pfarrer Harald Küstermann

Wole Soyinka erzählt in »Aké« von seiner Kindheit in Nigeria voller Menschlichkeit, voller Humor und voller Religionsvermischung. Die Wege nicht nur Gottes, sondern auch der Menschheit sind unergründlich. Und das Heilen von kulturellen Wunden ist ein amüsanter Prozess voller Skurrilitäten, wenn auch mit Tränen. Joseph Conrad hatte ein paar Jahrzehnte vor Soyinka geschrieben über die Entstehung jener tiefen kollektiven Wunden.
Sein berühmtester Roman behandelt die Zeit des Kolonialismus. »Herz der Finsternis « spielt zwar in Afrika, aber das eigentliche Thema ist der Verlust der europäischen Seele. Über das Verhältnis von Deutschen und Italienern wurde gesagt: Die Deutschen lieben Italien, aber sie respektieren es nicht. Die Italiener respektieren Deutschland, aber sie lieben es nicht. Eine ähnliche Verhältnisbestimmung, nur in viel tieferliegenden Schichten des Unbewussten und der Menschheitsgeschichte, könnte zwischen Europa und Afrika bestehen. Und vielleicht helfen die beiden großen Literaten, das Heimatliche und das Fremde besser zu verstehen.