Bach-Kantaten und ihre Theologie

Veranstaltung zum Reformationsjubiläum


Wie kann man Luthers reformatorische Impulse im Blick auf ihre Bedeutung für die Kirchenmusik am besten würdigen? Natürlich mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach.

So haben Mauritius-Kantorei und Jugendkantorei für das Konzert am Sonntag, dem 22. Oktober um 17 Uhr in der Stadtkirche zwei Bach-Kantaten ins Programm genommen, die unmittelbar mit der Reformation und mit Martin Luther in Verbindung stehen: „Ein feste Burg ist und unser Gott“ (BWV 80) und „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (BWV 106).

 

Ein feste Burg

Bach hat die großartige Kantate „Ein feste Burg“ für das Reformationsfest komponiert und hat – wie oft in seinem Schaffen – dabei auf eine bereits existierende Kantate zurückgegriffen, die aus seiner Weimarer Zeit stammte: „Alles, was aus Gott geboren“ (BWV 80a). Woche für Woche musste er als Thomaskantor in Leipzig eine Kantatenkomposition für den Sonntagsgottesdienst fertigen, mit den Chorknaben proben, Noten für alle beteiligten Musiker herstellen. Ein „Mordsgeschäft“, würde man heute sagen, in einer Zeit, in der wir manchmal denken, ohne Computer gänzlich handlungsunfähig zu sein.

Die heutige Fassung der Kantate ist also in Leipzig entstanden und vertont in erster Linie die Strophen des berühmten Lutherliedes. Dabei gehört der Eingangschor wohl zu den Höhepunkten des Bachschen Vokalschaffens im Bereich der Choralbearbeitungen. Der Chor trägt jede einzelne Choralzeile als Fuge vor, als zusätzlicher Kunstgriff werden noch die Durchführung der 2. Liedzeile mit der Wiederholung der 1. Liedzeile kombiniert; gegen Ende jeder Zeilendurchführung tragen die Oboen und der Continuobass die unveränderte Choralmelodie im Kanon der Instrumente vor. Der Cantus firmus in höchster und tiefster Lage dient hier als Symbol der weltumspannenden Geltung dessen, was gesagt wird: Gottes Machtbereich umspannt den ganzen Kosmos.

Die Kantate ist mit Streichern und Oboen besetzt, in den weiteren sieben Sätzen wechseln sich Arien, Rezitative und Choralstrophen ab, die von vier Gesangssolisten und dem Chor bestritten werden.

 

 

Sängerinnen der Mauritius-Kantorei

Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

Mit Kantate 106 „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ kommt ein Stück Weltliteratur zur Aufführung, die in einem großen Kontrast zu „Ein feste Burg“ steht. Bach hat mit dieser Kantate eine Komposition für eine Trauerfeier geschaffen. Verarbeitet ist das Lutherlied „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“.
Die auch unter der Bezeichnung „Actus tragicus“ bekannte Kantate ist ein Geniewerk, wie es auch großen Meistern nur selten gelingt und mit dem der 22-jährige Bach seine komponierenden Zeitgenossen mit einem Schlage hinter sich lässt. Bachs Kunst ist in den folgenden Jahren noch deutlich reifer, aber kaum mehr tiefer geworden, als in diesem berühmten Werk.
Seiner Form nach gehört das Werk der älteren Kirchenkantate an: Rezitative und Arien im Stil der neapolitanischen Oper gibt es hier – anders als in allen späteren Kantaten Bachs - noch nicht. Den Text bilden vorzugsweise Bibelwort und Kirchenlied. Und das Instrumentarium dieser Kantate ist in Bachs Werk einmalig – Bach schreibt nämlich (ganz anders als in der Kantate „Ein feste Burg“) eine ausgesprochen „stille Musik“: Zwei Blockflöten, zwei Gamben und Continuo erzeugen eine schon zu Bachs Zeiten besondere, alte und edle Klangfarbe.

Der Inhalt des „Actus tragicus“ lässt deutlich zwei Teile erkennen: Sterben unter dem Gesetz – Sterben unter dem Evangelium. Die Kantate besingt die Situation des Menschen zwischen der Erfahrung eigener Vergänglichkeit und der Zusage von Gottes Ewigkeit. Mit wachsender Eindringlichkeit wird die Unausweichlichkeit des Todes vor Augen geführt, gipfelnd in einer Fuge über den scheinbar lapidaren Satz: „Es ist der alte Bund: Mensch, du musst sterben!“ Die Kantate bleibt aber bei einem solch fatalistischen Satz ebenso wenig stehen, wie dies die Theologie Martin Luthers tat: Denn der Tod hat durch das Evangelium (Luther nennt es im Vorwort zum Septembertestament 1521 „gute Nachricht, gute Mär, gut Neuzeytung, gut Geschrey“) tatsächlich längst seinen Stachel verloren. Und die Theologie der Bachzeit fügt hinzu: Der Tod bringt die erwünschte Vereinigung mit Jesus, der der Mensch in großer Freude entgegensehen kann. Mit einem Lob der göttlichen Dreieinigkeit endet das Werk.

 

Die Theologie Johann Sebastian Bachs

Zwischen den Kantaten wird Pfarrer Hartmut Zweigle sich in seinen Ausführungen der Theologie Johann Sebastian Bachs nähern. Das allein könnte ein abendfüllendes Thema sein, in unserem Konzert zum Reformationsjubiläum soll aber beides – Musik und theologische Erläuterung – zusammenkommen. Denn Bach hat wie kein anderer Komponist durch die gekonnte Zusammenstellung der Texte und durch seine von theologischem Aussagewillen durchdrungenen Kompositionen Werke geschaffen, die predigen und verstanden werden wollen.

Im Konzert der Mauritius-Kantorei am Sonntag, 22.10. um 17 Uhr sind neben der Mauritius-Kantorei und der Jugendkantorei sowie einem Consortium mit Instrumenten in historischer Bauweise als Solisten Angelika Lenter, (Sopran), Anneka Ulmer (Alt) und Christopher Kaplan (Tenor) zu hören. Der Eintritt ist frei, eine Kollekte am Ausgang wird erbeten.

Christine Marx