Ein Interview mit mir selbst

Pfarrer Günther Hauser

Pfarrer Günther Hauser, Dipl.-Theol.
Pfarrer an der Föhrichkirche S-Feuerbach seit 1997.

Auf dieser Seite finden Sie neben Kontaktinformationen auch eher "persönlich" gefärbte Informationen zur Person von Pfarrer Hauser.

Testlink: Es hat geschneit

Das nachfolgende Interview habe ich mit mir selbst geführt

Frage: Günther, wie bist du darauf gekommen, Pfarrer zu werden?

Antwort: Das ganze fing für mich eigentlich schon im Konfirmandenunterricht an. Ich erinnere mich an ein Arbeitsblatt. Darin wurde beschrieben, wie der Pfarrer die Gemeinde in der Kirche zu einer Bestattungsfeier zusammenruft. Die Kirche war gestorben. Als die Menschen am Sarg vorbeigehen, sehen sie darin in einem Spiegel ihr eigenes Gesicht. Das hat mich damals sehr bewegt und die Erkenntnis: Wenn mir an der Kirche etwas nicht passt, dann muss ich selbst etwas bewegen.

Sie können sich diesen Text auch laut vorlesen lassen.

Frage: Was passt dir denn an der Kirche nicht?

Anwort: Ach, das war damals in den 70er Jahren eine Zeit der Institutionenkritik. Wir lasen in der Schule von Gerhart Hauptmann "Die Weber" und diskutierten die unrühmliche Rolle von Pfarrer und Kirche, wie sie dort beschrieben wird. Ein großes Thema waren damals auch die sogenannten "Arbeiterpriester" - heute redet niemand mehr davon. Ich fand damals (bis heute), dass die Kirche an der Seite der kleinen Leute stehen und nicht ein vornehmer Krawattenträgerverein sein sollte. - Heute weiß ich, dass sie das damals schon nicht war. Aber es hat mich sehr bewegt und wie gesagt, wenn mir etwas nicht passt, dann muss ich selbst daran etwas ändern - das ist eigentlich bis heute meine Einstellung geblieben.

Frage: Und wie ging es dann weiter mit dir?

Antwort: Ich habe nach der Konfirmation sehr viel in der Jugendarbeit unserer Kirchengemeinde gemacht. Jugendgruppen, CVJM, Theatergruppe, Jugendgottesdienste. Dann erhielt ich die Möglichkeit, mit einem Stipendium in die Evangelisch-Theologischen Seminare nach Maulbronn und Blaubeuren zu wechseln, dort Latein und Griechisch zu lernen und mein Abitur zu machen. Dort hat sich die Frage nach dem Theologiestudium sehr intensiv gestellt, weil aus diesen Schulen schon seit Jahrhunderten württembergische Pfarrer hervorgegangen sind. Die Hälfte meiner Klasse bestand aus Pfarrerskindern und die halbe Klasse hat später auch Theologie studiert. Da sind alle Positionen aufeinander geprallt, die damals in der Landeskirche diskutiert wurden! Und die haben wir leidenschaftlich und heftig gegeneinander vorgebracht - und am Abend haben wir einträchtig mit Kerzen in der Hand in der Klosterkirche gregorianische Lieder gesungen. Und das ging auch, trotz der unterschiedlichen Meinungen ... Das war schon sehr lehrreich.

Frage: Du hast aber nach dem Abitur nicht sofort Theologie studiert.

Antwort: Nein. Die Oberstufe in Blaubeuren war sehr schnuckelig: Wir waren 50 Schüler und hatten 10 Lehrer nur für uns allein, auch nachmittags oder am Abend. Das war eine sehr intensive Einheit von Leben und Lernen und wir haben häufig abends heftig das diskutiert, was wir morgens in der Schule gelesen hatten. Etwa Texte von Platon aus dem Griechisch-Unterricht oder Ovids Liebeslyrik. Aber das erschien mir irgendwie weltfremd und ich wollte später nicht zu Menschen reden, deren Lebenswirklichkeiten - auch die beruflichen - mir fremd waren. Darum habe ich nach dem Abitur bei Daimler-Benz in Sindelfingen eine Lehre als Kfz-Elektriker gemacht. Da hat sich für mich dann die Frage nach Gott von einer ganz anderen Seite gestellt: Kann man in so einer großen Fabrik, in der alles (scheinbar) machbar ist, kann man da überhaupt an einen allmächtigen Schöpfergott glauben? Und kann man glauben, dass der sich durch Jesus Christus als liebender Vater seiner Geschöpfe offenbart? Meine Antwort habe ich dort zwischen Schaltplänen und Maschinen gefunden: Man kann! Und diese Antwort versuche ich weiterzugeben. Ich habe dann nach der Gesellenprüfung noch eine zeitlang am Fließband gearbeitet und aufs Studium gespart und habe dann in Tübingen Theologie, später noch etwas Neuere Geschichte und Historische Hilfswissenschaften studiert.

Frage: Was war dir im Studium besonders wichtig?

Anwort: Ich hatte schon als Student und dann nach dem Diplom die Gelegenheit, im Institut für Spätmittelalter und Reformation zu arbeiten. Dort wurden die lateinischsprachigen und deutschen Werke Martin Luthers für ein wissenschaftliches Register erschlossen. Dabei sind mir die Widersprüche und die roten Fäden im Glauben und Leben dieses Mönchs aus Wittenberg besonders nahe gekommen. Ich habe dabei die schlichte und vertrauensvolle Art Martin Luthers kennengelernt, in der er zwischen allen wortgewaltigen Auseinandersetzungen glauben konnte. Das war eine Entdeckung für mich. Am Ende meines Studiums habe ich mich sehr intensiv mit einer vergessenen Figur der württembergischen Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt, Carl von Grüneisen (nach dem übrigens bis heute ein Weg in der Nähe des Oberkirchenrats benannt ist). Diese Beschäftigung habe ich nach dem Studium noch fortgesetzt, bis ich 1992 mit dem Vikariat in der Paulusgemeinde im Suttgarter-Westen begonnen habe. Das war dann für mich eine Zeit der ernüchternden Erkenntnisse und der Entscheidung: Die Spardiskussionen in der Landeskirche fingen gerade an und ich erinnere mich an einen Brief des damaligen Landesbischofs an alle Pfarrerinnen und Pfarrer, dass sie nach Möglichkeiten für einen anderen Broterwerb - sprich: anderen Job - suchen sollten, um den Haushalt der Landeskirche zu entlasten. Das hat mir als Berufsanfänger sehr weh getan. Aber am Ende stand die Erkenntnis oder der Entschluss, dass Pfarrer für mich das richtige ist. Geblieben ist mir aus dieser Zeit aber das Gefühl, dass ich im Tiefsten aus dem ehrenamtlichen Engagement komme und eigentlich immer "ehrenamtlich" in der Kirche und für die Verkündigung arbeite, weil sie mir wichtig sind und nicht, weil ich damit reich werden kann. (Na ja, schön wär´s trotzdem ...)

Frage: Bist du eigentlich gern an der Föhrichkirche?

Anwort: Ja! Unbedingt! Ich bin ja in einer ganz ähnlichen industriell geprägten Umgebung groß geworden und fühle mich schon von daher in Feuerbach wohl. Die Föhrichkirche kenne ich außerdem schon seit meiner eigenen Schulzeit: Ich war im Internat mit dem Sohn des damaligen Föhrich-Pfarrers Luserke mehrere Jahre im gleichen Zimmer und war an den Wochenenden oder in den Ferien oft zu Besuch hier. Außerdem hat die Föhrichkirche ein sehr motiviertes Team im Sekretariat, Mesnerdienst, den Kindergärten oder in der Kirchenmusik. Da macht es einfach Spaß, miteinander etwas zu bewegen. Aber im Lauf der Jahre ist mir am wichtigsten geworden, mit den Kindern und den jungen Familien zusammen älter zu werden. Ich komme ja mit sehr vielen Kindern zusammen, über die Krabbelgruppen, die Kindergärten, den Religionsunterricht an der Hattenbühl-Schule, den Konfirmandenunterricht oder die Mini-Kirche. Da erlebe ich - entgegen gängiger Vorurteile - eine sehr junge Gemeinde in der es einfach schön ist, dem Glauben mit ganz schlichten Liedern, Geschichten oder Gebeten Ausdruck zu verleihen - so wie ich das bei Martin Luther kennengelernt habe. Und dann trifft man sich auch auf der Straße wieder und kennt sich - das ist Heimat.

Frage: Ich danke Dir für die ausführlichen Antworten.

Anwort: Danke für das Gespräch. (gh)

 

 

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